Michael Graffi / Michael Neuhaus, Apps Associates GmbH

Schlüsselworte

Oracle BPM Suite 12c, Oracle Business Process Composer, MS-Visio, Bizagi Modeler, camunda
Modeler, BPMN, XPDL, VDX

Einleitung

Seitdem BPMN sich als Standard für die Modellierung von Prozessflows immer größerer Beliebtheit
erfreut, stellt sich die Frage, ob sich BPMN Modelle auch einfach zwischen „standardkonformen“
Modellierungstools austauschen lassen. Zum Austausch und zur Speicherung von Modellen legt die
aktuelle BPMN 2.0 Spezifikation XML fest. Die hierbei erzeugte XML-Datei muss einem bestimmten
Schema entsprechen. Was bedeutet das für die Integration von Prozessflows, die beispielsweise mit
Visio oder einem anderen Modellierungstool erstellt wurden und in die Oracle BPM Suite integriert
werden sollen, um sie später in eine ausführbare Umgebung zu versetzen? Welche Unterstützung
bietet hierbei die Oracle BPM Suite 12c? Dieses Problem trifft einen natürlich nicht, wenn man
ausschließlich ein Tool verwendet, wie die Oracle BPM Suite, welches von der Modellierung bis hin
zur Ausführung des Prozesses alles dazu Nötige bereitstellt. Interessant wird es allerdings, falls ein
Modell zwei oder noch mehr Tools bis hin zur Ausführung durchläuft. Dies kann der Fall sein, wenn
die Fachabteilung ein anderes Tool verwendet oder im Fall einer Migration von einem
Produkthersteller auf die Oracle BPM Suite übergegangen wird.

BPMN – Entwicklungsstand und Zielsetzung

Entwicklungsstand

Die BPMN wurde ab 2001 durch den IBM-Mitarbeiter Stephen A. White erarbeitet und 2004 von der
Business Process Management Initiative (BPMI) veröffentlicht, einer Organisation, die Standards im
Bereich der Geschäftsprozessmodellierung definiert hatte. BPMN wurde im Juni 2005 durch die
Object Management Group (OMG) zur weiteren Pflege übernommen. Die BPMI fusionierte
gleichzeitig mit der OMG, so dass die BPMN ähnlich wie die Unified Modeling Language (UML) ab
diesem Zeitpunkt als Standard der OMG galt. Seit 2006 ist BPMN in der Version 1.0 somit offiziell
ein OMG-Standard. 2008 erschien Version 1.1, 2009 Version 1.2. Die nächste Version des BPMNStandard,
BPMN 2.0, war mehrere Jahre in Arbeit und wurde im Januar 2011 von der OMG
verabschiedet. Am 15. Juli 2013 wurde die BPMN 2.0 in der ISO/IEC 19510:2013 zum
internationalen Standard erhoben (vgl. wikipedia).

Zielsetzung

Das vorrangige Ziel der BPMN ist es laut Spezifikation eine Notation bereitzustellen, die ohne
weiteres verständlich ist für alle Teilnehmer im Geschäftsprozessmanagement. Stakeholder der
Notation sind damit erstens die Prozess- und Businessanalysten, die neue Prozesse entwickeln oder
bestehende Prozesse optimieren. Zweitens werden Entwickler eingeschlossen, die verantwortlich sind
für die Implementierung der Technologie, die die Prozesse ausführt. Und drittens sollen auch
Anwender aus Fachabteilungen angesprochen werden, die die Prozesse managen und überwachen.
Durch die Verfügbarkeit einer gemeinsamen Notation wird BPMN als Brücke zwischen dem Design
und der Implementierung von Prozessen angesehen. Das Ziel der BPMN ist es somit, den kompletten
Lebenszyklus eines Prozesses abzudecken, vom Entwurf über die Implementierung bis hin zum Monitoring. Die Notation soll sich für Prozessanalysten genauso eignen wie für Programmierer (vgl.
Claudia Kocian 2011). Die seit März 2011 freigegebene Version 2.0 standardisiert ein XML-basiertes
Format, in dem BPMN-Diagramme gespeichert werden können. Es dient dem Austausch zwischen
unterschiedlichen Werkzeugen, zum Beispiel zwischen Werkzeugen für die Modellierung, die
Simulation oder die Ausführung von Prozessmodellen (vgl. wikipedia).

Oracle BPM Suite 12c – Pozessmodellkonvertierung mit dem Business Process Composer

Innerhalb der Oracle BPM Suite 12c steht mit dem Business Process Composer eine webbasierte
Oberfläche, um Geschäftsprozesse mittels BPMN 2.0 zu modellieren, verwalten und ausführen zu
können, zur Verfügung.

Mit dem Business Process Composer Assistenten zur BPM-Prozessmodellkonvertierung können
Prozessmodelle aus externen Tools importiert werden. Nachfolgend eine Übersicht der unterstützten
Formate, welche mit dem Business Process Composer importiert werden können.

Assistenten zur BPM-Prozessmodellkonvertierung (Business Process Composer)

Abb. 1: Assistenten zur BPM-Prozessmodellkonvertierung (Business Process Composer)

Oracle Tutor (docx)

Mit Oracle Tutor werden Aktivitäten in einer Organisation, bei denen es über die Bedienung einer
Geschäftsanwendung hinaus um das „Was und wann“ geht, dokumentiert. Oracle Tutor ist eine auf
MS Word basierende Produkt-Suite, mit der das Schreiben, Bereitstellen und Verwalten von
Verfahren optimiert sowie die Prozessdokumentation unterstützt wird.

Visio (vdx)

Ein mit Microsoft Visio erstelltes XML-basiertes Dateiformat. Das vom Benutzer modellierte BPM
Modell wird hierbei im .vdx-Datei-Format gespeichert.

Oracle Workflow (wft)

Der Oracle Workflow Builder, zum Erstellen von Workflows im wft-Format, ist ein Windows
basiertes Entwicklungswerkzeug zum graphischen Modellieren von Geschäftsprozessen per Drag and
Drop. Unterstützt werden u.a. Subprozesse, Parallelverarbeitung, Und- und Oder-Verknüpfungen,
Schleifen.

BPMN 2.0 (bpmn)

Ein auf XML-basiertes Dateiformat, welches von BPM-Tools für die Speicherung von Modellen
verwendet wird.

XPDL (xpdl)

Die XML Process Definition Language (XPDL) ist eine von der Workflow Management Coalition
(WfMC) spezifizierte Sprache zur Beschreibung von Arbeitsabläufen (workflow). Der Schwerpunkt
von XPDL liegt in der speicherbaren Repräsentation von BPMN-Modellen.
Im Folgenden betrachten wir den Import eines in Visio erstellten BPMN Diagramms und zwei
weiteren Diagrammen, welche mit jeweils unterschiedlichen BPM Modellierungstools erstellt wurden.
Hierbei verwenden wir den Bizagi Modeler (v2.9) und den camunda Modeler (v1.3.0), um ein BPMNDiagramm
im .xpdl/.bpmn-Format zu erstellen. Auf die Formate .docx (Oracle Tutor) und .wft (Oracle
Workflow) wird hierbei nicht näher eingegangen.

Importieren von BPMN-Diagrammen in die Oracle BPM Suite

Visio

Bereits in Visio 2010 stehen schon Shapes für die Prozessmodellierung nach BPMN zur Verfügung.
Man kann Prozessmodelle nach dem BPMN-Notationsstandard erstellen und diese als XMLZeichnungsdateiformat
(.vdx) abspeichern. Allerdings stehen die Shapes nur in der Visio 2010
Premium Edition zu Verfügung. Visio 2013 führte ein neues Dateiformat (.vsdx) für Visio ein,
welches das Visio-Dateiformat (.vsd) und das Visio XML-Zeichnungsdateiformat (.vdx) ersetzt.
Bedauerlicherweise lassen sich Modelle, die mit dem neuen Dateiformat (.vsdx) erstellt wurden nicht
in die BPM Suite von Oracle importieren. Wenn man z.B. mit Visio 2010 BPMN-Diagramme
erstellen will und nicht die geeignete Version zur Verfügung hat, so kann man auf BPMNErweiterungen
für Visio ausweichen.

Ausgangspunkt:

BPMN-Modell erstellt mit Visio 2010 Premium (in Anlehnung an Allweyer, 2009)

Ergebnis:

Importiertes BPMN-Modell aus Visio

Abb.3: Importiertes BPMN-Modell aus Visio

.xpdl Format (Bizagi Modeler)

Der Bizagi Modeler ist ein kostenfreies BPMN-Tool, mit dem sich u.a. Prozesse im BPMN
Standardformat graphisch abbilden lassen. Die Verwendung des Bizagi Modelers ermöglicht die
Veröffentlichung von Prozessmodellen in unterschiedlichen Formaten, u.a. auch .xpdl.

Ausgangspunkt:

BPMN-Modell (Bizagi Modeler)

Abb.4: BPMN-Modell (Bizagi Modeler)

Ergebnis:

Importiertes BPMN-Modell aus dem Bizagi Modeler

Abb.5: Importiertes BPMN-Modell aus dem Bizagi Modeler

 

.bpmn (Camunda Modeler)

Der Camunda Modeler ist ebenfalls ein kostenfreies BPMN-Tool, mit dem sich Prozesse u.a. im
BPMN Standardformat graphisch abbilden lassen. Der Camunda Modeler speichert die
Prozessmodelle im .bpmn Format ab.

Ausgangspunkt:

BPMN-Modell (camunda Modeler)

Abb.6: BPMN-Modell (camunda Modeler)

Ergebnis:

Importiertes BPMN-Modell aus Visio

Abb.7: Importiertes BPMN-Modell aus dem camunda Modeler

Ergebnisse und Zusammenfassung

Sowohl Visio als auch die beiden BPM-Tools bieten eine Möglichkeit an, dass erstellte BPMNDiagramm
auf korrekte Syntax zu überprüfen, um Syntax-Fehler vor dem Import auszuschließen.
Unregelmäßigkeiten nach dem Import traten vor allem bei dem Import der Visio Datei auf. Bei Visio
wurden nach dem Import u.a. die Aufgabentypen Benutzer und Dienst bei den Aktivitäten nur noch als
Aktivitäten ohne Aufgabentyp angezeigt. Eine Mapping-Tabelle, die man vor dem Import bearbeiten
kann, könnte hier hilfreich sein. Sowohl bei Visio als auch beim verwendeten BPM-Tool Bizagi
Modeler haben sich die Positionen der Attribute und Verbindungspfeile verschoben. Auch waren in
beiden Fällen die Beschriftungen der Attribute nicht innerhalb der Verantwortlichkeitsbereiche (Pools)
geblieben. In beiden Fällen lässt sich ein manueller Eingriff nach dem Import nicht vermeiden. Der
Import des Modells, welches mit dem camunda Modeler erstellt wurde, hat am saubersten funktioniert.
Frei verfügbare BPMN-Erweiterungen für andere Versionen von Visio, welche BPMN nicht integriert
haben, lassen sich zum Teil kaum verwenden, weil die Unterschiede nach dem Import größer ausfallen
können. Es hat sich gezeigt, dass durch die Verwendung des standardisierten .xpdl und .bpmn Formats
relativ gute Ergebnisse beim Import von BPM-Modellen in die Oracle BPM Suite erzielen lassen. Um
abschießend importierte Modelle in der Oracle BPM Suite ausführbar zu machen, müssen im nächsten
Schritt u.a. Rollen, grafische Benutzeroberflächen und Business Rules definiert werden. Da der
Fachbereich über das nötige Know-How des täglichen Geschäftsbetriebes verfügt und die IT über das
technische Know-How für die Umsetzung, ist eine Zusammenarbeit, u.a. zur Definition der Rollen,
Business Rules usw., zwischen Fachbereich und IT unumgänglich.